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Die Wahrheit über Affiliate Marketing IV – Qualifikation der Mitarbeiter

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich diesen Beitrag verfassen soll oder nicht. Dieses Thema beinhaltet so viel Zündstoff, denn keine Agentur, kein Netzwerk aber auch kein Advertiser würde die tatsächliche Qualifikation ihrer Mitarbeiter offenlegen oder gar anprangern. Mit diesem Artikel werde ich mir sicherlich keine Freunde machen – aber irgendjemand muss endlich mal die Wahrheit aussprechen. Die Wahrheit über Affiliate Marketing und die Wahrheit darüber, mit welchen Qualifikationen wir in unserem Berufsfeld arbeiten.

Ich selbst habe einen relativ steinigen Weg zurückgelegt. Vor 15 Jahren mein erstes kurzes Intermezzo bei Tradedoubler, als Junior Technical Account Manager. Als ich mich später zum zweiten mal für ein Job bewerben wollte hieß es, Tibor such dir ein anderes Umfeld, denn Affiliate Marketing ist nichts für dich. Sie haben sich geirrt.

Ich habe in jedem Bereich gearbeitet. Als Agenturmitarbeiter in der Schleifmaschine einer internationalen Agentur, als Advertiser im Erotiksektor für Datingportale, aber auch als Publisher mit diversen Gutscheinseiten und Blogs. Immer und immer wieder traf ich dabei auf die verschiedenen Mitspieler und musste eins feststellen… die meisten im Affiliate Marketing haben keine Ahnung was sie tun, aber was sie tun machen sie mit voller Überzeugung.

Sie kennen kein Retargeting. Sie kennen keine grundlegenden technischen Details. Sie wissen zum Teil nicht, was in ihren eigenen Programmen vor sich geht. Sie übersehen Kooperationen, die seit Monaten oder gar Jahren bestand haben. Sie agieren zum Teil blind und hoffen dass andere noch blinder als sie selbst sind. Paradenhafte Wissens- und Verständnislücken, die die meisten Mitarbeiter im Affiliate Marketing zeigen.

Und wir können noch nicht mal böse darüber sein! Wir können nicht mal Unverständnis zeigen. Warum? Dafür gibt es mehrere Gründe. Die wenigsten davon lassen sich auf mangelnde Intelligenz zurückführen. Ich zähle einige der Hauptursachen für schlechtes Affiliate Management auf.

Falsche Ausbildung

Es gibt kein Fach „Affiliate Marketing“ und kein Ausbildungsberuf „Affiliate Marketing Manager“.
Die zwei Möglichkeiten sind Selbststudium oder Learning by doing unter Anleitung eines erfahrenen Affiliate Marketers. Dies führt dazu, dass unser Metier ausschliesslich aus Quereinsteigern mit Halbwissen, aus Schulabgängern, die versuchen irgendwo aus dem Netz ihre Wissenslücken zu stopfen und aus Studenten, die zum Teil extrem veraltetes Wissen aber dafür überzogene realitätsfremde Gehaltsvorstellungen haben, besteht. Und natürlich die alten erfahrenen Hasen der Branche, die aber mittlerweile entweder sich selbständig gemacht haben oder auf einer Position sitzen, die mit dem normalen Alltagsmanagement nichts mehr gemeinsam hat.

Kostenersparnis

Advertiser stopfen sehr gerne mal Positionslücken intern, indem sie einem Mitarbeiter – mit oder ohne seiner Zustimmung – die Aufgabenbereiche des Affiliate Managers übergeben. Meist ungeachtet dessen, ob der dafür qualifiziert ist, ob der überhaupt die notwendige Zeit aufbringen kann, geschweige denn ob er weiß, wie Affiliate Marketing funktioniert. Dieser Mensch soll aber eine Agentur anleiten, mit Partnern sprechen und auch wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Dabei wird er entweder alles selbst entscheiden, auf die Gefahr hin, dass seine Entscheidungen nicht nur seinem Arbeitgeber missfallen, sondern auch das Partnerprogramm gefährden könnten. Oder es ist kaum eine Zusammenarbeit mit ihm möglich, weil bei jeder noch so kleinen Entscheidung entweder der Chef (der so gut wie nie da ist) oder xbeliebige Abteilungen bestimmen müssen, dessen Mitarbeiter selbst keine Ahnung von der Materie haben. Hauptsache sie müssen keinen „überbezahlten“ Affiliate-Profi bezahlen und für ihn vielleicht gar eine neue, noch nicht vorhandene Position schaffen.

Auch Agenturen (und zum Teil Netzwerke) kämpfen mit dem Problem des Deckungsbeitrages. Bekannterweise ist Affiliate Marketing, soweit die Agentur nicht ausschliesslich diesen Zweig anbietet, nicht die Cashcow der Agentur. Die Dienstleistung des Affiliate Managers, seine Beratung und die Arbeit mit dem Account hat einen gewissen Wert, welches hauptsächlich aus der monatlichen Fee und einer, zum Teil kaum erwähnenswerten Performancefee besteht. Wenn es nicht gerade um Mega-Accounts der großen Agenturen geht, bei dem ein Kunde bis zu 5 Stellen in der Agentur finanzieren kann, und zusätzlich Kickbackvereinbarungen mit Publishern und/oder Netzwerken besteht, muss ein Agenturmitarbeiter einige Accounts betreuen, damit er für seinen Arbeitgeber rentabel ist. Und eine studentische Aushilfe, ein Accountie ohne Position oder ein Junior kostet nun mal weniger als ein Senior oder Head of. Also arbeiten die meisten Agenturen mit einer Riege weniger qualifizierten Mitarbeiter und einigen Teamleadern, die leider in vielen Fällen weder eine Führungserfahrung noch genügend Affiliate Erfahrung aufweisen, um ein Team und auch die ihnen angetrauten Accounts richtig führen zu können.

Fehlendes Verständnis für das Fach Affiliate

Ich habe die letzten knapp 10 Jahre eine Agentur mitgegründet, mit aufgebaut und mitgeleitet. Ich war hauptsächlich für die Kundengespräche zuständig. In dieser Zeit hätte ich gerne mehrfach mein Kopf gegen eine Wand geschlagen. Mal beschwerte sich ein Kunde, ich hätte abgelaufene Banner bei Google hochgeladen, mal darüber, dass er trotz guter Umsätze Minus im Affiliate fährt – weil er „versehentlich“ die Kosten für die Katalogerstellung ins Affiliate Marketing hineingerechnet hat. Oder er kündigt die Zusammenarbeit mit einem Partner, weil der angeblich bei der Suchmaschine Google Cookies droppen kann. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Viele Advertiser haben keine Ahnung was Affiliate Marketing ist oder wie es funktioniert. Sie haben verkehrte Vorstellungen darüber was ein Publisher macht, wofür eine Agentur da ist oder welchen Mehrwert ihm bestimmte Publishermodelle bringen können.

Unerkannte Kompetenzlosigkeit

Ganz schlimm sind Mitarbeiter eines Unternehmens, die selbst Halbwissen beherrschen und eine Position im Unternehmen einnehmen, die entscheidend ist. Diese Mitarbeiter denken, sie wüssten ganz genau was zu tun ist. Sie treffen Fehlentscheidungen, aber ihre Budgettöpfe sind so groß, dass es teilweise Jahre lang nicht auffällt was da schiefläuft. Und wenn es doch passieren sollte, dass die Missstände bekannt werden, so hat er immer noch die Möglichkeit, die Fehler auf andere zu schieben. Er merkt schlicht und einfach nicht, dass was er von sich gibt in den meisten Fällen Bullshit ist.

Fehlendes technisches Verständnis

Man kann sehr schnell herausfinden, wie weit ein Mitarbeiter mit seinem technischen Verständnis ist. Folgende Fragen lassen etwa 75% aller Affiliate Marketer ins Schwitzen kommen.

  • Was ist eine HTLP?
  • Warum und wann braucht man eine HTLP?
  • Woran kann es liegen, wenn eine Seite eines Advertisers nach Zuschalten von Affiliate langsamer wird?
  • Wie genau funktionert das Tracking im Affiliate?
  • Was ist eine Cookieweiche und wie funktioniert sie?
  • Wie funktioniert Adhijacking?

Die Liste würde sich sicherlich noch weiterführen lassen. Die meisten dieser Fragen können leider nur die wenigsten, ohne groß darüber nachzudenken, Beantworten oder ausführlich erklären.

Theoretiker über Praktiker

Ganz schlimm wird es, wenn Menschen das Sagen haben, die theoretisch Kenntnisse im Affiliate vorweisen können / sollten, dies aber nicht der Fall ist. Meist sind es Mitarbeiter, die durch Fleiß oder anderen zufälligen Begebenheiten ihre Posten erhielten und nicht in der Lage sind den Fachkräften in ihrem Team vollkommen zu vertrauen. Die wissen theoretisch alles besser, haben aber von der täglichen Praxis keinerlei Ahnung. Leider treffen genau diese Menschen meist die wichtigen Entscheidungen.

Abteilungsfachidiotie

Diese Terminologie ist sowohl bei Publishern als auch bei Advertisern und Agenturen gleichermaßen zu finden. Diese Menschen haben genau davon eine Ahnung was sie tun, beziehungsweise in ihrer früheren Position getan haben. Sie denken einerseits, dass das erworbene Wissen auch die Ansprechpartner besitzen. Anderseits unterliegen sie der völlig idiotischen Annahme, dass lediglich die Abteilung, wo sie vorher gearbeitet haben, die wahre Lösung all der Probleme im Affiliate Marketing sein kann.

Dabei schmeissen sie mit Fachbegriffen und Abläufen um sich und merken nicht, dass niemand sie wirklich versteht. Das Ergebnis ist, dass die Ergebnisse ausbleiben. Dabei fühlt sich dieser Mitarbeiter aber niemals im Unrecht. Es sind immer die anderen, die an dem Dilemma Schuld haben.

Beratungsresistenz / Verzerrte Realitätswahrnehmung

Nachdem ich 2018 aus der Agentur ausgeschieden bin, begann ich 2019 eine neue Karriere als Affiliate Consultant / Berater. Meine 15 Jahre Erfahrung im Affiliate und die tausenden Gespräche mit Kunden, und Dienstleistern zeigte mir, wie viel Potential und Bedarf nach kompetenten Ansprechpartnern im Affiliate Marketing liegt. Leider zeigte mir sowohl in meiner Agenturzeit als auch gerade jetzt im Aufbau meiner neuen Beraterkarriere, dass genau die Firmen, bei denen ich sogar weiß wieviel Bedarf an Beratung und Fortbildung für ihre Mitarbeiter besteht, alles leugnen und gar nicht (ein)sehen, dass sie Hilfe benötigen. „Nene bei uns ist alles Paletti.“ „Unser Team ist Top.“ „Nein bei uns gibt es kein Bedarf an Weiterbildung und Optimierung“ Solche und ähnliche Sätze hörte ich immer wieder.

Das machte und macht mich bis heute fuchsig. Denn ich kenne ganz genau die Schwachstellen von Agenturen. Ich weiss woran kleine und große Advertiser leiden. Ich weiss mit welchen Schwierigkeiten Publisher kämpfen, um bestehen zu können. Leider haben nur die wenigsten Firmen die Weitsicht zu erkennen, wie wichtig Coaching und ein externer Blick sein können. Sie denken es wäre eine Schande zuzugeben, dass Hilfe benötigt wird. Oder noch schlimmer: sie sehen gar nicht, dass hier Hilfe vonnöten ist.

Fehlende Weiterbildungsmöglichkeit

Für die Mitarbeiter im Affiliate Marketing gibt es nicht viele Möglichkeiten, sich offen weiter zu bilden. Affiliate Veranstaltungen bringen zwar fürs Networking einiges, aber nur die wenigsten von ihnen haben auch einen Lehrauftrag. Die zwei bekanntesten dabei sind die Tactixx von Oliro und die Affiliate Conference von Xpose360. Zurzeit arbeitet die BVDW an der Verwirklichung einer Idee zur Qualitätsmessung und -steigerung von Affiliate Marketern. Und trotz dass so wenige öffentliche Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt, verschliessen sich viele Firmen davor, sich intern und extern schulen zu lassen.

Sicherlich werden über meine Zeilen einige den Kopf schütteln, Viele werden wohl denken, ich schreibe sowas nur, um selbst Aufträge zu bekommen. Ich hoffe aber, dass auch einige Leser dabei sind, die diese Meinung teilen, dass ein Großteil der Mitarbeiter im Affiliate Marketing auf Grund von fehlendem Wissen, Erfahrung und Kontakten schlicht und einfach eine Fehlbesetzung ihrer Position darstellen.

Leider stellt Affiliate Marketing an sich nur einen kleinen Marketingzweig in dein meisten Unternehmen dar, sodass das Verständnis um die Wichtigkeit von qualitativ hochwertigen Mitarbeitern oft dem unternehmerischen (kaufmännischen) Denken weichen muss.

Natürlich trifft das nicht auf alle im Affiliate Marketing zu. Jeder Abteilung- und Teamleiter sollte aber sich und sein Team ehrlich reflektieren ob vielleicht nicht doch die eine oder andere Optimierung notwendig sein könnte.

PS: Wer mehr über mich und meiner Beratungsleistungen im Affiliate Marketing wissen möchte, findet unter https://tibor-bauer.de weiterführende Informationen.

3 Antworten to “Die Wahrheit über Affiliate Marketing IV – Qualifikation der Mitarbeiter”

  1. Sehe ich ganz genau so, daher trage ich meinen Teil dazu bei damit wir in Zukunft bessere Affiliate Manager haben. In mein Team hole ich am liebsten welche die noch keine/kaum Erfahrungen im Online/Affiliate-Marketing haben um sie dann selbst Step by Step zu Experten zu machen.

    Auf meiner Facebook-Page wurde Dein Beitrag auch heiß diskutiert, verlinke ich gerne hier.

  2. Vielen Dank für diesen detaillierten Einblick.

    Ich finde, Affiliate Marketing ist ein sehr interessantes Thema. Zum einen steckt in dieser Branche sehr viel Potenzial, zum anderen ist es aber tatsächlich nicht gerade einfach, sich in diesem Bereich weiterzubilden.

    Gerade aus diesem Grund finde ich diese Artikelserie sehr informativ, konnte ein paar Punkte für mich mitnehmen. Vielen Dank dafür. LG Mac

  3. Eugen sagt:

    Hey Tibor – ich sag einfach nur danke. Danke für deinen Artikel – er spricht mit aus der Seele 🙂

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